• So schaut's aus

    draussenbart_3_wochen

    Ich bin jetzt seit drei Wochen in Schweden und langsam pendelt es sich alles ein. Ich »arbeite« nur noch 18 Stunden am Tag, wobei es, wie erwartet, keine eigentlich Arbeit ist, es beschränkt sich im Wesentlichen wirklich auf das Dasein und das Wachsein, ergo: alles im grünen Bereich. Meine hohen Anfangsinvestitionen werden dazu führen, dass ich noch meine Eltern anpumpen muss (Wink mit dem Zaunpfahl, falls mitgelesen wird) und das Gehalt aus Abrechnungsgründen erst am 15. des Folgemonats kommt, falls es kommt.

    trostlossonnenaufgang

    Hey, was kaum zu glauben ist: Das Wetter ist besser geworden, zur Veranschaulichung mal ein Vorher-nachher-Vergleich. Jetzt ist es endlich windig (ich hatte mich schon gefragt, warum hier Windräder hin sollen, jetzt weiß ich es). Am Strand war ich auch schon, natürlich hatte ich Kamera und Handy vergessen, beim nächsten Mal vielleicht. Mit dem Schreiben könnte es etwas besser klappen, die großen Baustellen habe ich bisher noch nicht wieder aufgemacht, allerdings habe ich schon einige Kurzgeschichten geschrieben – immerhin ein Anfang. Der Rest wird schon noch, ich setze mich nicht unter Druck, noch nicht jedenfalls.

    windmuehlen_alt_und_neu

    Dass Öland einmal Standort zahlreicher Mühlen war, erwähnte ich ja schon und im nachfolgenden Bild sieht man auch sehr schön das Heute und das Gestern, ich hoffe, ihr könnt es richtig zuordnen. Das folgende Bild ist selbsterkärend, also der Klima-Blog war kein Witz, hinter dem Wohnwagen ist wirklich ein struppiges Wäldchen. Bislang ist es mir auch immer gelungen, eine Regenpause abzuwarten.

    beimkackenbaertiger

    Ein echtes Problem ist das Duschen. In Borgholm gibt es ein Schwimmbad und das Duschen dort schlägt mit knapp sechs Euro zu Buche, zuzüglich Fahrtkosten. Das hatte zur Folge, dass ich erst einmal zwei Wochen gar nicht duschte und die Wohltat, die ich dann erfuhr, die war das Warten wirklich Wert! Warum ich allerdings in den nächsten Wochen häufiger duschen muss, dazu sage ich beim nächsten Mal mehr, denn: Ich bin nicht mehr alleine in meinem Domizil. Victor ist eingezogen und Victor bleibt. Das sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge und warum, dazu komme ich beim nächsten Mal.

  • Dieser Blog ist ein Klimakiller

    Nein, das stimmt so nicht ganz, dieser Blog ist der Klimakiller schlechthin. Ich komme deswegen darauf, weil eine Freundin von mir gehört hatte, ich sei ausgestiegen und nun in Schweden. Dies brachte sie sogleich mit einem Bohrinseljob (erstens sind die alle in Norwegen und zweitens, was soll ich auf einer Bohrinsel?) in Verbindung, um im selben Satz anzumerken, dies sei für mich ja politisch viel zu inkorrekt und die Windmühlen passten ja viel besser zu mir. Wenn die wüsste ...

    Eines will ich doch mal von vorneherein klarstellen: Ich bin kein Gutmensch oder Ökomärtyrer, nur weil ich Windkraftanlagenbaustellen bewache. Hätte mir jemand (genug) Geld geboten, Schafe auf Gruinard Island zu hüten, den Bau der Feldschlösschenbrücke in Dresden zu bewachen, Navigator für einen Castortransport zu spielen, oder für eine dubiose Briefkastenfirma in Liechtenstein am Schreibtisch zu sitzen und nichts zu tun, hätte ich keine Skrupel gehabt, einzuschlagen und den Job zu machen. Ich hatte nur eine Bedingung: Genug Zeit zum Schreiben zu haben, ergo, nichts (oder so wenig wie möglich) für mein Geld tun zu müssen.

    Dass es solch einen Job gibt; dass ich den dann auch noch bekomme; dass von der ersten Information darüber bis zur Abfahrt gerade mal sieben Wochen lagen; und dass dann noch alles genauso ist, wie ich es mir vorgestellt habe, das gehört für mich nach wie vor in die Kategorie »achtes Weltwunder«. Normalerweise hat so etwas immer einen Haken. Nur diesmal nicht, ich sitze immerhin hier und tippe nun schon in der dritten oder vierten Nacht (so genau weiß ich das selbst gar nicht, alles verschwimmt hier im Grau) an meinen Texten. So wie ich mein »Glück« kenne, gibts am Ende des Monats keine Überweisung oder auf meiner Baustelle wird in einer der nächsten Nächten etwas geklaut und ich darf wegen Unfähigkeit wieder nach Hause fahren. Ich klopf mal auf Holz ... na ja ... auf Furnier, gilt das auch?

    Und warum ist dieser Blog jetzt ein Klimakiller? Ach ja, ich bin wieder abgeschweift, ein altes Laster von mir, was, sollte ich je berühmt werden, spätestens dann zu einer Tugend stilisiert werden wird. Nun, ich bin nicht altmodisch genug, um bei Kerzenlicht mit dem Bleistift auf Papier zu schreiben, ich habs versucht, es klappt nicht. Ich kann keine Sätze umstellen, nein, ich muss alles wieder neu schreiben. Kein Internet, wo ich schnell mal was nachlesen kann – auf Papier schreiben zu müssen, ist für mich eine Horrorvorstellung. Wenn die Baustelle fertig ist, soll hier mal Strom nicht nur fließen, nein, er soll hier sogar produziert werden, aber bis das soweit ist, gibt es keinen Strom, jedenfalls nicht aus der Steckdose. Ich habe einen Generator kaufen müssen, auch jetzt brummt er gerade mit 65 dbA vor sich hin, er hat nur einen Nachteil, einen gravierenden Nachteil, er braucht Sprit.

    Pro DIN-A4-Seite etwa einen halben Liter. Nicht, dass er besonders viel Benzin braucht, weit gefehlt, ich schreibe so langsam; und es ist unpraktikabel bei jeder Denkpause den Rechner runterzufahren. Nichts zu machen, um den Liter Bleifrei für eine Doppelseite werde ich nicht herum kommen. Dazu kommen etwa 40 Liter Flüssigas im Monat zum Heizen und Kochen und natürlich die Einkaufsfahrten nach Borgholm nicht zu vergessen. Der Geländewagen (hey, ich bin mal einer, der den wirklich braucht!) mit Kuhfänger vorne dran (also den bräuchte ich nicht unbedingt) schluckt auch etwa 15 Liter auf hundert Kilometer. Da überlegt man es sich zweimal, ob man auf das sechs Kilometer entfernte Dixie-Klo geht, oder lieber klimafreundlich in den Wald kackt.

    Mein erster Roman wird etwa zweihundertfünzig Seiten haben, siebzig davon sind fertig. Das heißt, ich brauche noch etwa neunzig Liter Normalbenzin, um ihn fertigzuschreiben. Dazu kommt jeweils ca. ein Liter für jeden Blogeintrag und dann sind da noch die Forenbeiträge und privaten Mails, die auch alle Strom brauchen. Da unterstelle mir jemand nochmal Political Correctnes! Ich sage ja schließlich auch »Neger«, wie weiland Heinrich Lübke. Political Correctnes ist für mich ein Schimpfwort, ehrlich, denn genau dahinter kann man Engstirnigkeit und Intoleranz, Fremdenhass und Borniertheit am besten verstecken.

  • Kreuzberg vs. Gärdslösa

    Erinnert ihr euch noch an diesen unsäglichen Gottlieb Wendehals? Dieser vertrottelte Entertainer mit der schwarzweiß-karierten Jacke, der seinerzeit die Nordlichter in Misskredit brachte mit seiner Schunkel-ich-ertrag-sie-nicht-mal-sturzbesoffen-Karnevals-Musik? Der sang einmal »Kreuzberger Nächte sind lang«. Ha! Was für ein Schwachsinn. Damals war ja schon allzu offensichtlich, was für ein Idiot er war, heute weiß ich es. Selbst die schlechteste Kreuzberger Party ist mindestens ein gefühltes Äon kürzer, als die Nacht auf einer Enercon-Baustelle in Gärdslösa/Schweden.

    Hierher verirrt sich nicht einmal ein vereinzelter Vandale. Wenn doch, hätte ich allerdings ein Problem. Selbst wenn ich die Polizei rechtzeitig alarmieren würde – ich wüsste nicht einmal, was ich ihnen sagen sollte, wo genau ich mich befinde. Gut, ich könnte ihnen die Google-Earth-Koordinaten mitteilen, aber ob das sie und mich weiterbrächte? Ein Feld mit Wintergetreide, ein kleines Wäldchen und ein Stoppelacker, das sind meine Nachbarn. Straße und Hausnummer? Von wegen! Der Feldweg, an dessen Ende ich in meinem Wohnwagen sitze, der war bis vor wenigen Wochen noch unpassierbar, der haben die Bauern hier erst befahrbar gemacht, als die großen LKWs im Anmarsch waren. Gestern saß ein Hase vor meinem Wohnwagen, mich hätte es nicht verwundert, wenn gleich darauf der Fuchs gekommen wäre, um ihm eine gute (lange) Nacht zu wünschen.

    Aberdeen, Arlborg, Riga, Perm, das sind die bekannteren Städte auf deren geographischer Breite ich mich in etwa bewege, also halb so wild. Es wird kaum früher dunkel oder später hell als bei den meisten von euch, vielleicht eine halbe Stunde, viel mehr sicherlich nicht. Aber das Wetter ist momentan sehr interessant, hier mal ein Screenshot vom aktuellen Wetter:

    wetter2

    Abends kann ich also immerhin den Schirm (welchen Schirm?) zu Hause lassen. Dachte ich Ende letzter Woche noch, von »grau« könne es keine Steigerung geben, sehe ich heute aus dem Fenster und mich eines Besseren belehrt. Will man unbedingt ein freundliches Wort für diesen Himmel finden, könnte man ihn bestenfalls als konturlos bezeichnen, auf See wäre man vermutlich nicht einmal in der Lage, die Kimm auszumachen. Ich glaube ja mittlerweile, dass die vielen Skandinavier, die sich umbringen, dies nicht wegen der langen Dunkelheit im Winter tun, sondern weil sie sich am Grau satt gesehen haben. Die werden sich denken, schlimmer als hier wirds an Odins Tafel schon nicht werden. Skål!

    Apropos »Skål«, nach den ganzen Horrorgeschichten, die ich im Vorfeld über das schwedische Bier (ungenießbar, dünn und teuer) las, deckte ich mich mit dem guten Öttinger ein. In Luxemburg – dort gibt es kein Dosenpfand – belud ich das Auto mit 192 Halbliterbüchsen, nur um hier festzustellen, dass ich kaum Gelegenheit bekommen werde, diese auch zu trinken, wann auch? Nach der Arbeit? Das wäre zum Frühstück. Als einigermaßen zivilisiertem Mitteleuropäer kommt mir die Vorstellung, Bier zum Frühstück zu trinken, (noch) ziemlich ... ähm ... ungewöhnlich vor. Dann also abends, wie normalerweise? Das geht nicht, da beginnt meine Schicht und von Bier werde ich zu müde, also noch müder, als ich sowieso schon bin. Bleibt also das, ich sag mal »Mittagessen« (weils eine warme Mahlzeit ist) welches zwischen drei und sechs stattfindet. Da passt dann ein Bier, eines. Ergo werde ich rund die Hälfte wieder mit zurückbringen, wenn ich nicht noch jemanden finde, dem ich es schenken kann. Immerhin: Dem fehlenden Tremor wegen des fehlenden Biers entnehme ich fehlenden Alkoholismus, was ja auch nicht so schlecht ist.

    Als heutigen Abschluss noch ein Schwedenwitz: Woran merkt man im Herbst in Schweden, dass die Sonne aufgegangen ist? Ganz einfach, wenn man rausguckt, ist es hellgrau statt dunkelgrau.

     

  • Välkommen till sverige

    Eine Baustelle in Schweden besteht in erster Linie aus Schlamm. In diesen Schlamm wird alles gestellt oder gelegt, was man für den Bau einer Windkraftanlage braucht. Ein Wunder, dass die Teile nicht dreckiger sind, wenn sie denn mal stehen. Komisch, bei Pippi Langstrupf war es nie schlammig – klar, es hat ja auch nie geregnet. Schweden im Herbst ist kein Stück schöner als bei uns, Schweden im Herbst ist grau, nein, grau ist gar kein Ausdruck: Das graueste Grau unter allen Graus, außer natürlich der Schlamm, der ist braun. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Schweden den Winter regelrecht herbeisehnen. Den Winter mit dem Schnee, der das ganze Grau und Braun endlich zudeckt.

    Ich bin jetzt seit Dienstag in Schweden und habe noch nicht ein Fitzelchen Sonne gesehen. Auch vom Land habe ich nicht so viel mitbekommen, da ich oft im Dunkeln gefahren bin. Die Öresundbrücke – Fehlanzeige, ebenso die Ölandbrücke, ich bin nämlich nicht wie geplant in Skara, sondern auf Öland gelandet, gestrandet. Die Öresundbrücke beginnt mit einem langen Straßentunnel, der das Meer unterquert. Zwar sehen alle Tunnel auf der Welt im Wesentlichen gleich aus, trotzdem ist es ein komisches Gefühl, unter dem Meer hindurchzufahren, viel beklemmender als beispielsweise unter der Elbe oder einem Alpenmassiv.

    tunnel_blau

    Nein, es ist nicht so, wie es vielleicht im ersten Moment klingt, es ist nicht alles schlecht. Meine Kollegen sind alle wahnsinnig nett, wenn auch unterschiedlich kompetent; der Wohnwagen ist zwar hässlich aber gemütlich; mein Internetanschluss ist langsam, aber funktioniert (und das wohlgemerkt »in the middle of nowhere«, ums mal auf Deutsch zu sagen); mein Generator geht (endlich!); ich habe eine funktionierende Gasheizung; ich kann kochen (heute zum ersten Mal) und: Das Telefonieren ist im Vergleich zu Deutschland lächerlich günstig. Wenn die Arbeit nicht wäre ...

    Das ist leider ein Problem, denn ich sitze momentan auf einer Baustelle, wo nur Material liegt und nicht gebaut wird, ergo darf ich diesen Platz für zwanzig Stunden weder verlassen noch schlafen und wie das mehrere Tage lang gut gehen soll, ist mir (noch) ein Rätsel. Mittlerweile weiß ich auch, warum diese Baustellen überhaupt bewacht werden müssen. Neben den üblichen Problemen wie Dieselklau aus Fahrzeugen und entwendeter Werkzeuge oder Materialien, geht es bei Windkraft auch noch darum, Vandalismus und – ganz wichtig – Industriespionage zu verhindern. Der Weltmarkführer lässt sich (verständlicherweise) ungern in seine wertvollen Karten gucken. Das ist auch der Grund, warum ich keine Bilder von den Baustellen selbst posten werde. Ich darf nicht.

    Dass die Insel Öland, auf die es mich verschlagen hat, als Standort für Windkraftanlagen prädestiniert ist, belegen die vierhundert noch erhaltenen Windmühlen hier. Einstmals waren es sogar zweitausend Windmühlen und wenn wir hier fertig sind, sind es wieder fünf mehr, vielleicht kommt Öland ja wieder mal auf zweitausend. Damals galten sie als Statussybole der Bauern und auch heute sind es wieder die Bauern, die hier zukunftsträchtig investieren, Bauernschläue eben. Wenn man schon durch konventionelle Landwirtschaft nichts mehr verdienen kann, dann eben durch das Ernten des Windes. Bleibt zu hoffen, dass sie keinen Wind säen, denn dann werden sie Sturm ernten.

    vaelkommen

    Na wer sagts denn, willkommen bin ich auch noch

    Ob ich allerdings immer noch willkommen wäre, wenn die wüssten, dass ich eigentlich nur komme, um mal gepflegt im Warmen aufs Klo zu gehen, ist die Frage.

  • Wie kalt ist es in Skara?

    Heute sitze ich in meinem Wohnwagen in der Nähe des 58. Breitengrads (zum Vergleich: Novosibirsk liegt auf 55° und Anchorage auf 61°). So jedenfall lautete der Beginn meines Blogeintrags. Die Wahrheit ist das nicht, denn ich sitze weder im Auto, noch im Wohnwagen und schon gar nicht in Schweden, sondern immer noch in Trier. Es geht erst morgen los, das Auto war noch nicht fertig. Neuigkeiten gibt es demnach erst am Mittwoch oder Donnerstag.

    Und für alle, die sich wegen der sibirisch oder arktisch klingenden Namen von Novosibirsk beziehungsweise Anchorage Sorgen um meinen kalten Arsch machen: Das ist unnötig, denn wegen des Nordatlantikstroms (Golfstrom) sind eruopäische Orte deutlich wärmer als nordamerikanische oder asiatische Orte gleicher geographischer Breite. Mich selbst erleichtert das auch.

  • Der den oder mit dem oder durch den Wolf dreht

    Gemeint ist dieser Tage natürlich Wolf Larsen, »Der Seewolf«. In den Köpfen meiner Leser vierzig plus macht es in diesem Moment »klick« und jeder hat nur ein Bild vor Augen. Der blonde Teutone Raimund Harmsdorf, der mit der bloßen Hand eine rohe(!) Kartoffel zerdrückt. Für diejenigen, die es noch nicht kennen, hier der Link:

    http://www.youtube.com/watch?v=hyZv1aPKk_I (Hinführung und Kartoffelszene – länger*)
    http://www.youtube.com/watch?v=BhmBURNZG2c&NR=1 (Trailer mit Kartoffelszene – kurz)

    Damals habe ich das erste Mal den Glauben an das verloren, was man im Fernsehen sehen kann. Noch mal zur Ausgangssituation: Humphrey van Weyden schält rohe Kartoffeln. Raimund Harmsdorf tritt hinzu und nimmt eine der ungeschälten und zerdrückt sie mit seiner bloßen Hand, zur Demonstration seiner herkulischen Kraft. Für mich (damals zarte sechseinhalb Jahre alt) war die logische Schlussfolgerung, dass die Kartoffel roh war. Dass man dem Schauspieler eine präparierte (gekochte) Kartoffel hingelegt hat, das musste man mir erst mal beibrigen. Ich war maßlos enttäuscht, wo man doch eigentlich nicht lügen durfte! Warum durften die das im Fernsehen denn dann?

    Gestern wurde beschlossen, das Lügen im Fernsehen noch ein wenig legaler zu machen: Die Ministerpräsidenten der Länder haben nämlich den 13. Rundfunksstaatsvertrag unterzeichnet. Dieser besagt unter anderem, dass nun Schleichwerbung (neudeutsch: Product-Placement) erlaubt ist. Damit wurde eine weitere (überflüssige?) EU-Richtlinie umgesetzt. Am Fragezeichen kann man erkennen, was ich davon halte, aber das soll heute ausnahmsweise mal nicht das Thema sein, ich denke dabei eher an Wolf Larsen.

    Wäre die Neuverfilmung (am Sonntag im TV zu sehen) nämlich erst 2010 fertig gworden, wäre das doch die Chance für Pfanni® gewesen, den Film zu sponsern. »Dieser Film wurde Ihnen präsentiert von Pfanni® Kartoffelpüree. Nur echt mit dem original ›Schwarzen unter den Nägeln‹ von Raimund Harmsdorf! Hm, lecker!« Ich kann den alten Raimund Harmsdorf förmlich vor mir sehen, in seinem Bauerndorf im Allgäu, wie er tagaus tagein das Schwarze unter seinen Nägeln hervorpult. Leider ist er schon gestorben, aber vielleicht macht ja sein Nachfolger am Sonntag das gleiche – also mit der Kartoffel. Völlig neue Kooperationen tun sich da auf. Da kann der runderneuerte Käpt'n IGLO® dank VIAGRA™ dem Iglo-Rahmspinat mit dem Blubb einen ganz besonderen Schuss Sahne verpassen. Aber bevor ich unappetitlich (also noch unappetitlicher) werde, höre ich lieber auf ...

    Fortsetzung folgt (vielleicht)

    * Apropos »länger«. Ist euch eigentlich mal aufgefallen, dass »länger« hin und wieder kürzer ist als »lang«? Genauso ist »älter« auch manchmal jünger als »alt«. Kein Wunder, dass die Ausländer Probleme haben, uns zu verstehen.

  • Countdown (3 von 3)

    Nun ist es soweit. Alle Prüfungen bestanden (eine Nacht lernen hat wirklich ausgereicht); alle Kisten gepackt und verstaut; die leeren Zimmer geputzt; hoffentlich an alles gedacht, denn am Montag geht es los. Zuerst nach Lund, da hole ich mir meine Instruktionen und dann weiter in die Nähe von Skara. Das liegt in Mittelschweden, zwischen den beiden größten Seen Schwedens. 1500 Kilometer von Schwäbisch Hall entfernt und nördlicher als jeder ander Punkt auf der Erde, auf den ich jemals meinen Fuß gesetzt habe.

    Unterdessen ist mein Agent fleißig gewesen und ich finde mich im Portfolio seiner Webseite wieder. http://www.colognemedianet.de/autoren/joerg-tilmann/index.html Meiner hoffentlich steilen Schriftstellerkarriere steht nun nichts mehr im Weg, außer meinem inneren Schweinehund, den es zu überwinden gilt. Aber nicht zuletzt deswegen fahre ich ja in die Einöde. Ich nehme mir genau ein Buch mit, den »Fänger im Roggen«, die restlichen sind hier:

    buecherkisten

    Die einzige Ablenkung wird mein Laptop sein, dann wird mir irgendwann nichts anderes mehr übrig bleiben, als endlich meine ganzen angefangenen Bücher auch zu Ende zu schreiben. Ich weiß noch nicht genau, wann ich in Schweden einen Internetanschluss haben werde, aber wenn es soweit ist, gibt es sicherlich eine Menge zu berichten. Wieviele Dosen Bier passen in einen Suzuki Swift? Darf man den als Mann überhaupt fahren? Reicht ein Fläschchen Nagellack aus, ihn umzulackieren? Und ähnlich wichtige Sachen. Ach ja, mein Schwedischkurs beginnt morgen ...

  • Zu Lande, zu Wasser und in der Luft

    Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, wenn ihr diesen Spruch hört oder lest. Mir kommt er immer ein bisschen aufschneiderisch daher, vergleichbar mit einer Firma, die von ihren internationalen Kunden spricht, weil sie zufällig einen davon in Österreich hat. Und Tatsache ist ja auch, dass die meisten von uns, wenn sie mit der Polizei Kontakt haben, dies meist in der Streifenvariante – sei es nun im Auto, zu Fuß oder zu Pferd – erleben. Die wenigsten von uns werden mit dem Hubschrauber oder einem Polizeiboot gejagt; außer in Ausnahmefällen.

    Wenn Lena Odenthal mal wieder die Faxen dick hat, setzt sie sich gerne an den Rhein und guckt aufs Wasser und die BASF. Dass sie (als pfälzische Tatort-Kripobeamtin) dazu ins »Feindesland« nach Mannheim fahren muss, fällt dabei unauffällig unter den Tisch. Das tut sie nämlich vornehmlich auf der Friesenheimer Insel, von dort hat man nun mal den besten Blick auf das größte zusammenhängende Chemieareal der Welt, wirklich sehr beeindruckend. Wenn nicht gerade Dreharbeiten zum Tatort dort stattfinden, ist das ein wunderschöner Platz. Ich selbst bin manchmal auch gerne da, so auch am 11. September 2009. Nein, die BASF steht noch, wäre sie Schauplatz eines terroristischen Angriffs gewesen, hätte man davon wohl in den Nachrichten gehört.

    rhein

    Ich habe also keine Stingerrakete oder Panzerfaust von dort abgefeuert, auch keine mobile Artillerie in Stellung gebracht, ich habe dort nur geparkt. Auf dem Feldweg war wochenlang niemand mehr gefahren, ich musste, um dorthin zu kommen, wo ich wollte, erst drei riesige Äste aus dem Weg räumen. Das Schild, auf dem stand, es handele sich um einen Betriebsweg der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, übersah ich geflissentlich. Ich blieb ja schließlich beim oder im Auto und wenn jemand vorbei wollte, würde ich schon Platz machen, es wollte aber niemand vorbei.

    schild

    Ich sah dem munteren Treiben auf dem Rhein und dem BASF-Areal zu und genoss den warmen Spätsommertag. Ein Boot der rheinland-pfälzischen Wasserschutzpolizei kümmerte sich um einen Jachtbesitzer, der sonstwas verbrochen haben mochte und ich dachte mir nichts weiter dabei. Was ich nicht ahnte: Den Polizisten aus Rheinland-Pfalz muss ich ein Dorn im baden-württembergischen Fleisch gewesen sein, denn sie alarmierten ihre Kollegen von der anderen Rheinseite. Diese kamen jedenfalls prompt und mit Vollgas den Rhein heruntergeprescht. Sie vollführten eine actionfilmreife Wendung mitten auf dem starken Strom und kamen dann ans Ufer getuckert.

    Ganz langsam und erst nach einer ganzen Weile dämmerte es mir, dass ich gemeint sein könnte und als die Beamten dann das Blaulicht anschalteten, wurde ich neugierig und ging die paar Schritte zu ihnen hin. Man muss sich das mal vorstellen: Sie kamen von Weiß-der-Geier-Wo angefahren, bohrten sich mit ihrem teuren Schiff in die zentnerschweren Steine der Uferböschung, der Schiffsdiesel und die junge Polizistin am Steuer hatten ordentlich zu tun, dass sie nicht abgetrieben wurden und weswegen? Weil ich auf einem Feldweg stand! »Führerschein, Fahrzeugpapiere und Personalausweis, bitte.« Eine Nummer kleiner hatte er es nicht? Ich dachte mir nur meinen Teil, sagte aber nichts. Ich wartete geduldig eine Viertelstunde(!) am Polizeiboot, bis die Überprüfung abgeschlossen war.

    boot

    Den Dialog mit dem Polizisten erspare ich euch – dass ich eine Ordnungswidrigkeit begangen hatte, war sein Mantra, welches er gebetsmühlenartig wiederholte, gleich welche Frage nach dem Sinn und Zweck der ganzen Aktion ich ihm auch stellte. Einzig den Appell an seinen gesunden Menschenverstand ließ ich aus, denn ich zweifelte mittlerweile an dessen Vorhandensein unter der feschen Mütze. Auf die Frage, ob ich mit einer Verwarnung einverstanden sei, sagte ich natürlich nein, ich wäre nicht einverstanden, ich würde die mir auferlegte Geldbuße gleichwohl akzeptieren. Der Beamte aber war ein völlig humorloser Bursche, er insistierte so lange, bis ich endlich sagte, ich sei mit der Verwarnung einverstanden. Danach parkte ich fünfzig(!) Meter weiter auf genau demselben Feldweg, aber nun brav vor dem Schild.

    Schikanös fand ich das, denn eine Begründung, warum ich da nicht stehen durfte, lieferte er mir nicht. Es erinnerte mich an meine Kinder, denen hin und wieder (wenn sie mich ärgern wollen) ein »Weil« als Begründung für jedwedes Tun und Lassen ausreicht. Weil. Punkt. Eben weil, na toll. Schikanös zum einen und zum anderen wider die Maxime, immer auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu achten, so nenne ich das Vorgehen jener Patrouillenbootbesatzung. Es hätte doch genügt, mir mit dem Megaphon zu sagen, ich solle gefälligst von dort verschwinden, weil dort das Stehen verboten sei. Das hätte nicht mal eine Minute gedauert.

    strafzettel

    Ich resümiere: Dem Steuerzahler hat diese Aktion zehn Euro eingebracht. Gekostet hat sie ihn ein Vielfaches, angefangen beim zerkratzen Bug des Polizeibootes, über den in die Luft geblasenen Diesel während der gut halbstündigen Aktion bis hin zu der Möglichkeit, dass die beiden Beamten in der Zeit vermutlich hätten mehr einnehmen können, hätten sie einen x-beliebigen Flussschiffer wegen irgendeiner anderen Lappalie kontrolliert, Warndreieck, Verbandskasten, was weiß denn ich. Auch zum Verständnis für den oftmals aufreibenden und gefährlichen Berufsstand des Polizisten haben sie nicht eben viel beitragen können. Als ich ein paar Tage später auf Spiegel-Online einen Bericht las, in dem die polizeilichen Missstände einer deutschen Großstadt anonymisiert geschildert wurden, wo es an allen Ecken und Enden fehlte, so dass eine gerechte Strafverfolgung nicht mehr länger gewährleistet sei, konnte ich nur noch lachen. Ich hätte dem unbekannten Beamten sagen können, wo in Deutschland die Polizei allem Anschein nach deutliche Überkapazitäten hat.

    Wer dies noch lustig findet, dem empfehle ich folgende Lektüre: Im Frühjahr 2009 gab es den Fall eines Belgiers, der an einem Waldweg in der Eifel Halt machte, um zu telefonieren. Sein Pech war nur, dass in der Nähe kurz zuvor eine Bank ausgeraubt worden war und er nun in die Fänge der dazugehörigen Ringfahndung geriet. Die mit Maschinenpistolen bewaffneten Zivilbeamten, die ihn aufspürten, fackelten nicht lange. Als er die Flucht ergriff, weil sie sich nicht glaubhaft als Polizisten auswiesen, schossen auf seinen Wagen. Mit einem Lungendurchschuss fuhr er noch etliche Kilomenter, bis er an einer Gaststätte hielt, um Hilfe bat und ohnmächtig zusammenbrach. Der belgische Spediteur hatte nichts mit dem Banküberfall zu tun, bei dem – ganz nebenbei bemerkt – 300 Euro erbeutet wurden.

    Bankraub ist zugegebenermaßen ein schweres Verbrechen, wo Staatsanwaltschaft und Polizei umbarmherzig zugreifen müssen. Allerdings, so weit jedenfalls mein Rechtsverständnis und mein Gerechtigkeitsempfinden, nicht unter der Prämisse »Der Zweck heiligt alle Mittel«, sondern immer unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit der Mittel. So steht es sogar in diversen Gesetzen, die ich gerade durcharbeiten und lernen muss. Es liegt im vorliegenden Fall auf der Hand, dass es etliche andere Möglichkeiten gegeben hätte, den Sachverhalt (Verdächtiger hält, um zu telefonieren) aufzuklären, als ausgerechnet eine gezielte Salve aus einer vollautomatischen Maschinenpistole.

    Am 17. September 2008 war weit und breit kein Polizist mit oder ohne Maschinenpistole zu sehen. An dem Tag hat ein vertrottelter Staatsangestellter den millionenfachen Betrag von 300 Euro »aus Versehen« an die kurz zuvor Pleite gegangene Bank Lehman Bros. überwiesen. Anstatt über den Haufen geschossen zu werden, hat er vermutlich im Jahr 2008 keine millionenschwere Abfindung bekommen – Strafe muss ja sein. Man sieht, es reicht, sich an die bestehenden Gesetze zu halten und man geht so gut wie straffrei aus. Selbst als Verbrecher (siehe Zumwinkel und Konsorten) wird man im Nadelstreifenanzug zwar medienwirksam aus seiner Villa eskortiert – der Bankräuber aus Großlittgen mit seinen erbeuteten 300 Euro sitzt vermutlich dann noch, wenn ich schon längst wieder aus Schweden zurückgekehrt bin.

    tennessee

    Manchmal sieht man nur ein Foto eines Menschen und denkt bei sich: ›Diesen Menschen würde ich gerne kennenlernen!‹ So ging es mir beim Betrachten von Tennessee Eisenberg, einem amerikanischen Studenten aus Regensburg, wirklich ein netter, junger Mann, hätte meine älteste Tochter nicht schon so einen netten Freund, würde ich mir so jemanden wie ihn für sie wünschen. Das geht nun leider nicht mehr. Tennessee Eisenberg wurde wurde am 30. April 2009 von mehreren (acht bis zehn) Polizisten aufgesucht, weil er jemanden mit einem Messer bedroht haben soll. An sich schon ein skurriler Gedanke, weil er in etwa so gefährlich aussah, wie der Junge auf der Brandt-Zwieback-Verpackung.

    Die Polizisten wussten sich nicht anders zu helfen, als den 24-jährigen Studenten mit zwölf Schüssen (unter anderem in den Rücken) niederzuschießen, in Notwehr natürlich. Die tödlichen Schüsse in die Brust fielen am Ende, als er bereits ein zerschossenes Kniegelenk, einen Lungensteckschuss und einen zerschmetterten Oberarmknochen, sowie andere Treffer aus den Polizeiwaffen hatte einstecken müssen. Überflüssig zu erwähnen, dass Tennessee bis dato völlig unauffällig war, gesetzestreu und obendrein als musisch begabt, nachdenklich, engagiert und zurückhaltend bekannt war. Das nenne ich »Mit Kanonen auf einen Spatzen geschossen«.

    Bei allem Verständnis für die seit Jahren größer werdenden Gefahren für Polizeibeamte im Dienst, irgendwo endet alles Verständnis. Ich meine, wenn es umgekehrt passiert wäre, ein deutscher Student in den USA erschossen, ja das kennt man doch, da würde man sich nicht lange drüber wundern, aus dem Kino wissen wir ja, wie schießwütig die Polizisten drüben sind, aber in Regensburg, hallo? Das ist Bayern, die Oberpfalz! Wir reden nicht von Berlin oder Frankfurt, sondern (die Regensburger mögen es mir verzeihen) der Provinz. Bald traut man sich als rechtschaffener Mensch ja nicht einmal mehr, irgendwo ein Graffiti hinzusprühen, aus Angst, dabei vielleicht aus Versehen von übermotivierten Polizeibeamten getötet zu werden.

    Die gestiegene Bedrohungslage für Polizisten im Dienst – ich erinnere an getötete Beamte bei Routineverkehrskontrollen oder an den völlig unmotivierten Polizistenmord von Heilbronn – hat allem Anschein nach ein Klima geschaffen, wo solche Dinge wie sie Tennessee Eisenberg oder dem belgischen Spediteur widerfahren sind, als normal zu gelten haben. Ganz ehrlich: In solch einem Land will ich eigentlich nicht leben. Wenn mich neuerdings die Polizei im Wagen kontrolliert, lasse ich beide Hände am Lenkrad und bewege mich nur (und ganz vorsichtig) auf Aufforderung, man weiß ja nie. Nachher wird man noch (natürlich aus Versehen) erschossen, weil man zum Handschuhfach greift, um die Zulassung herauszuholen. Kommt dann noch die in solchen Fällen gerne etwas lethargische Verfolgung solcher Polizeiübergriffe durch die Staatsanwaltschaft hinzu (ich verweise auf die Webseite der Familie Eisenberg, bitte aufs Foto von Tennessee klicken) beschleicht mich das Gefühl, mehr und mehr in einem Polizeistaat zu leben. Dann doch schon lieber Schweden, wo die Polizei eher durch Dilettantismus auf sich aufmerksam und über die Ländergrenzen hinaus Schlagzeilen macht.

  • Countdown (2 von 3)

    Es ist schon ein paar Jahre her, da habe ich einmal in einer großen Bank ein Assesementcenter mitgemacht, es ging um eine Führungsposition im Marketing. Damals schnitt ich ziemlich gut ab, den dazugehörigen Job nahm ich aus anderen Gründen nicht an. Das war hart, einen ganzen Tag zusammen mit den zwei Mitbewerbern, im Team und gegeneinander, konzipieren, entwerfen, präsentieren, Rollenspiele, Fragenkataloge, alles, was man so erwartet. Dagegen war die Sachkundeprüfung gestern ein Witz. Und dennoch: Die meisten Anwesenden waren wesentlich nervöser als wir drei damals beim Assesementcenter. Gestern musste ich nur die Hälfte(!) der 72 Multiple-Choice-Fragen richtig beantworten, um zu bestehen. Eigentlich ein Klacks – wenn man sich vorbereitet, oder den dazugehörigen Lehrgang absolviert hatte.

    Die ganze Szenerie gestern Morgen war genauso, wenn nicht schlimmer, als ich sie mir ausgemalt hatte – so viele Jogginghosen auf einem Haufen hatte ich lange nicht mehr gesehen. Jetzt bin ich (endlich?) da, wo auch schon Dijan und Bukowski waren, bevor sie vom Schreiben leben konnten, ziemlich weit unten. Ganz unten in der Nahrungskette, ich habe nun niemanden mehr, den ich treten kann. Ich bin quasi das Pantoffeltierchen in der Arbeitswelt, der Beginn der Nahrungskette. Der Alibiwachmann mit seiner Spielzeuguniform, der, die Hände in der schwammigen Hüfte abgestützt, das Einkaufszentrum rauf und wieder runterstiefelt, ab und an mal einen Punk oder Penner verjagt und davon träumt, wie weiland Philip Marlowe ein Held zu sein.

    Als ob das noch nicht genügte, wurde mir gestern wieder eindringlich vor Augen geführt, dass es Menschen gibt, die sich um solch einen Job auch noch reißen, für die er eine (vermutlich die letzte) Chance bedeutet, nicht ein Leben lang im Hartz-IV-Modus zu fristen. Wer hier durchfällt, dem bleibt nur noch die Drückerkolonne. Kein Wunder, dass meine Mitstreiter nervös waren. Ich hätte ja immerhin noch die Wahl, mir einen richtigen, sogar recht anständig bezahlten Job zu suchen, die anderen offenkundig nicht. Da kam die Ankündigung der Frau Pfeifer (mit nur einem oder zwei »f« aber keinesfalls mit dreien) gerade recht, man könne im Fall des Nicht-Bestehens den Kurs beliebig oft wiederholen. »Beliebig oft« heißt natürlich, so oft man die 150 Euro aufbringen kann, die an Prüfungsgebühr anfallen. Vielleicht war auch die Angst, das Geld in den Sand zu setzen, der Hauptgrund für die herrschende Nervosität?

    Bevor es losging, stand ein Teil der Wartenden in einem typischen Kasernenflur sich die Beine in den Bauch. Der Typ Bodybuilder in Ballonseide war da, der sechzigjährige Rentner, dem langweilig ist, auch. Die 120-Kilo-Mutti, die demnächst ihren fetten Hintern in irgendeiner Alarmzentrale noch breiter sitzt, war dabei und zu guter Letzt etliche Hauptschulabsolventen, die der Verlockung des schnellen Geldes erlegen sind, statt erst eine Berufsausbildung zu machen. Am besten allerdings war der Typ, massig gebaut, knapp zwei Meter groß, dem man den Wachschutzmann schon drei Meilen gegen den Wind ansehen konnte. In meinem Kopf hatte ich ein Butterbrotpapier, halbdurchsichtig, mit einer Uniform bedruckt, das habe ich über ihn gelegt und mir eingebildet, ihn sagen zu hören: »Nehmen Sie Ihren Hund an die Leine!«

    Will ich dazugehören? Will ich das wirklich? Vielleicht habe ich gestern erst begriffen, worauf ich mich da eingelassen habe. Das werden in Zukunft meine »Kollegen« sein, mit ihren Zoten, ihrer Bildzeitung, den Playmates im Wohnwagen und auf dem Dixieklo, ihrem Stammtischwissen, die (falls sie überhaupt wählen) immer genau denjenigen Politikern auf den Leim gehen, die ihnen das meiste versprechen.

    Nun gut, den Bund habe ich überstanden und mich (scheinbar) angepasst, da werde ich das nun auch noch überstehen, ich bin dann halt der komische Kauz, der zwanzig Stunden am Tag vor seinem Laptop sitzt. Wie gut, dass es das Internet gibt und ich wenigstens auf diese Art mit euch in Kontakt bleiben kann – eine Garantie für mich, doch nicht gleich völlig zu verblöden.

  • Zwischenzeitlich ein Zwischending

    Bevor der nächste Countdown startet, eine kleine Anekdote aus meinem (täglichen) Leben. Gestern war ich einkaufen, an sich nichts besonderes, aber als ich in den Supermarkt ging, fiel mir ein Plakat auf: »Umsonst einkaufen!«

    TSCHIBO

    Okay – im ersten Moment dachte ich, da will mich jemand verarschen, ehrlich. Schlagartig fielen mir all jene Gelegenheiten ein, an denen ich schon umsonst eigekauft hatte: An einem Freitag Hackfleisch, was am Montag in die Tonne wanderte; ein Spielzeug, welches nicht einmal die Halbwertszeit einer Eintagsfliege hatte; alle möglichen Kalender und Notizbücher, die ich drei Tage lang enthusiastisch benutzte und sie dann vergaß; das Jahresabo für einen Fitnessclub; CD-Rohlinge mit Überlänge, die keiner meiner zahlreichen Brenner je fressen wollte; eine Hundeschermaschine, die in der zweiten Saison ihren Geist aufgab und noch etliche andere Sachen.

    Kostenlos war keines davon gewesen, nein, es war alles umsonst. Und jetzt will mir Tschibo mit einer aufwändigen Werbekampagne das Umsonst-Einkaufen schmackhaft machen? Unglaublich, die müssen mich und den Rest der Menschheit für ziemlich bescheuert halten, wobei wir immerhin schon mindestens eine Gemeinsamkeit eruiert hätten – dass die Menschheit in weiten Teilen bescheuert ist, glaube ich langsam auch.

    Eines frage ich mich allerdings, waren der verantwortliche Werbetexter und sein Artdirector einfach nur zu blöd oder war das falsche Adjektiv Kalkül? Wenn es Kalkül gewesen sein sollte, dann würde mich die »Rechnung« interessieren, die sie aufgemacht haben. Rechneten sie damit, dass die Bedeutungsverschiebung des Wortes »umsonst« weg von »vergeblich« und hin zu »kostenlos« schon so weit vollzogen ist, dass die meisten Menschen »kostenlos« nicht mehr verstehen würden? Klingt »umsonst« vielleicht hipper? Trendyer? Cooler? Chilliger? Abgefahrener? Ich finde, es klingt höchstens falscher, aber so was von.

    Manche Agenturen (besonders jene, die sich gerne als Avantgarde sehen) haben das falsche Verwenden oder das Erfinden von neuen Wörtern allerdings zur Masche gemacht, um aus dem Werbeeinheitsbrei überhaupt noch herausstechen zu können, wem fiele nicht das »unkaputtbar« von Coca-Cola ein? Oder Verona Feldbuschs »Da werden sie geholfen!« KIK versucht es (diesmal allerdings Verona Pooth) mit »Besser als wie man denkt.« (Gut bei der Zielgruppe von KIK wird's sowieso keinem auffallen.) Aber mit »umsonst«, welches von der Hälfte der Menschen in Deutschland sowieso schon im Sinne von »kostenlos« verwendet wird, kann man bei jenen, die es sowieso nicht besser wissen, nicht mehr auffallen und bei der anderen Hälfte kann man sich eigentlich nur Unmut zuziehen, nach dem Motto: Lieber unangenehm auffallen als gar nicht!

    Schade eigentlich, dabei mag ich doch die Tschibo-Unterwäsche so gerne, jetzt brauche ich dafür einen adäquaten Ersatz, sowohl in Qualität und Preis. Ganz nebenbei bemerkt war das, was ich eben gemacht habe, die effizienteste Werbung, die man sich nur vorstellen kann, Mundpropaganda. Wie gut das Produkt dann sein muss, wenn man Mundpropaganda wider Willen macht, kann sich jeder vorstellen. Also, die Unterwäsche ist super, bitte kauft sie trotzdem nicht und wenn doch, dann nur kostenlos!

    Und wo ist jetzt der Bezug zu Schweden? Ganz einfach, bevor ich nicht in der Lage bin, mich einigermaßen auf Schwedisch verständigen zu können, wird mir so etwas dort nicht auffallen! Ich entziehe mich so recht elegant der Macht der geballten Werbemaschinerie. Was bleibt jetzt noch? Vielleicht eine kleine Anmerkung an den Werbetexter und seine Helfershelfer. Was ist der Unterschied zwischen »umsonst« und »kostenlos«? Meine Schulbildung war kostenlos, seine ...

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