Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, wenn ihr diesen Spruch hört oder lest. Mir kommt er immer ein bisschen aufschneiderisch daher, vergleichbar mit einer Firma, die von ihren internationalen Kunden spricht, weil sie zufällig einen davon in Österreich hat. Und Tatsache ist ja auch, dass die meisten von uns, wenn sie mit der Polizei Kontakt haben, dies meist in der Streifenvariante – sei es nun im Auto, zu Fuß oder zu Pferd – erleben. Die wenigsten von uns werden mit dem Hubschrauber oder einem Polizeiboot gejagt; außer in Ausnahmefällen.
Wenn Lena Odenthal mal wieder die Faxen dick hat, setzt sie sich gerne an den Rhein und guckt aufs Wasser und die BASF. Dass sie (als pfälzische Tatort-Kripobeamtin) dazu ins »Feindesland« nach Mannheim fahren muss, fällt dabei unauffällig unter den Tisch. Das tut sie nämlich vornehmlich auf der Friesenheimer Insel, von dort hat man nun mal den besten Blick auf das größte zusammenhängende Chemieareal der Welt, wirklich sehr beeindruckend. Wenn nicht gerade Dreharbeiten zum Tatort dort stattfinden, ist das ein wunderschöner Platz. Ich selbst bin manchmal auch gerne da, so auch am 11. September 2009. Nein, die BASF steht noch, wäre sie Schauplatz eines terroristischen Angriffs gewesen, hätte man davon wohl in den Nachrichten gehört.

Ich habe also keine Stingerrakete oder Panzerfaust von dort abgefeuert, auch keine mobile Artillerie in Stellung gebracht, ich habe dort nur geparkt. Auf dem Feldweg war wochenlang niemand mehr gefahren, ich musste, um dorthin zu kommen, wo ich wollte, erst drei riesige Äste aus dem Weg räumen. Das Schild, auf dem stand, es handele sich um einen Betriebsweg der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, übersah ich geflissentlich. Ich blieb ja schließlich beim oder im Auto und wenn jemand vorbei wollte, würde ich schon Platz machen, es wollte aber niemand vorbei.

Ich sah dem munteren Treiben auf dem Rhein und dem BASF-Areal zu und genoss den warmen Spätsommertag. Ein Boot der rheinland-pfälzischen Wasserschutzpolizei kümmerte sich um einen Jachtbesitzer, der sonstwas verbrochen haben mochte und ich dachte mir nichts weiter dabei. Was ich nicht ahnte: Den Polizisten aus Rheinland-Pfalz muss ich ein Dorn im baden-württembergischen Fleisch gewesen sein, denn sie alarmierten ihre Kollegen von der anderen Rheinseite. Diese kamen jedenfalls prompt und mit Vollgas den Rhein heruntergeprescht. Sie vollführten eine actionfilmreife Wendung mitten auf dem starken Strom und kamen dann ans Ufer getuckert.
Ganz langsam und erst nach einer ganzen Weile dämmerte es mir, dass ich gemeint sein könnte und als die Beamten dann das Blaulicht anschalteten, wurde ich neugierig und ging die paar Schritte zu ihnen hin. Man muss sich das mal vorstellen: Sie kamen von Weiß-der-Geier-Wo angefahren, bohrten sich mit ihrem teuren Schiff in die zentnerschweren Steine der Uferböschung, der Schiffsdiesel und die junge Polizistin am Steuer hatten ordentlich zu tun, dass sie nicht abgetrieben wurden und weswegen? Weil ich auf einem Feldweg stand! »Führerschein, Fahrzeugpapiere und Personalausweis, bitte.« Eine Nummer kleiner hatte er es nicht? Ich dachte mir nur meinen Teil, sagte aber nichts. Ich wartete geduldig eine Viertelstunde(!) am Polizeiboot, bis die Überprüfung abgeschlossen war.

Den Dialog mit dem Polizisten erspare ich euch – dass ich eine Ordnungswidrigkeit begangen hatte, war sein Mantra, welches er gebetsmühlenartig wiederholte, gleich welche Frage nach dem Sinn und Zweck der ganzen Aktion ich ihm auch stellte. Einzig den Appell an seinen gesunden Menschenverstand ließ ich aus, denn ich zweifelte mittlerweile an dessen Vorhandensein unter der feschen Mütze. Auf die Frage, ob ich mit einer Verwarnung einverstanden sei, sagte ich natürlich nein, ich wäre nicht einverstanden, ich würde die mir auferlegte Geldbuße gleichwohl akzeptieren. Der Beamte aber war ein völlig humorloser Bursche, er insistierte so lange, bis ich endlich sagte, ich sei mit der Verwarnung einverstanden. Danach parkte ich fünfzig(!) Meter weiter auf genau demselben Feldweg, aber nun brav vor dem Schild.
Schikanös fand ich das, denn eine Begründung, warum ich da nicht stehen durfte, lieferte er mir nicht. Es erinnerte mich an meine Kinder, denen hin und wieder (wenn sie mich ärgern wollen) ein »Weil« als Begründung für jedwedes Tun und Lassen ausreicht. Weil. Punkt. Eben weil, na toll. Schikanös zum einen und zum anderen wider die Maxime, immer auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu achten, so nenne ich das Vorgehen jener Patrouillenbootbesatzung. Es hätte doch genügt, mir mit dem Megaphon zu sagen, ich solle gefälligst von dort verschwinden, weil dort das Stehen verboten sei. Das hätte nicht mal eine Minute gedauert.

Ich resümiere: Dem Steuerzahler hat diese Aktion zehn Euro eingebracht. Gekostet hat sie ihn ein Vielfaches, angefangen beim zerkratzen Bug des Polizeibootes, über den in die Luft geblasenen Diesel während der gut halbstündigen Aktion bis hin zu der Möglichkeit, dass die beiden Beamten in der Zeit vermutlich hätten mehr einnehmen können, hätten sie einen x-beliebigen Flussschiffer wegen irgendeiner anderen Lappalie kontrolliert, Warndreieck, Verbandskasten, was weiß denn ich. Auch zum Verständnis für den oftmals aufreibenden und gefährlichen Berufsstand des Polizisten haben sie nicht eben viel beitragen können. Als ich ein paar Tage später auf Spiegel-Online einen Bericht las, in dem die polizeilichen Missstände einer deutschen Großstadt anonymisiert geschildert wurden, wo es an allen Ecken und Enden fehlte, so dass eine gerechte Strafverfolgung nicht mehr länger gewährleistet sei, konnte ich nur noch lachen. Ich hätte dem unbekannten Beamten sagen können, wo in Deutschland die Polizei allem Anschein nach deutliche Überkapazitäten hat.
Wer dies noch lustig findet, dem empfehle ich folgende Lektüre: Im Frühjahr 2009 gab es den Fall eines Belgiers, der an einem Waldweg in der Eifel Halt machte, um zu telefonieren. Sein Pech war nur, dass in der Nähe kurz zuvor eine Bank ausgeraubt worden war und er nun in die Fänge der dazugehörigen Ringfahndung geriet. Die mit Maschinenpistolen bewaffneten Zivilbeamten, die ihn aufspürten, fackelten nicht lange. Als er die Flucht ergriff, weil sie sich nicht glaubhaft als Polizisten auswiesen, schossen auf seinen Wagen. Mit einem Lungendurchschuss fuhr er noch etliche Kilomenter, bis er an einer Gaststätte hielt, um Hilfe bat und ohnmächtig zusammenbrach. Der belgische Spediteur hatte nichts mit dem Banküberfall zu tun, bei dem – ganz nebenbei bemerkt – 300 Euro erbeutet wurden.
Bankraub ist zugegebenermaßen ein schweres Verbrechen, wo Staatsanwaltschaft und Polizei umbarmherzig zugreifen müssen. Allerdings, so weit jedenfalls mein Rechtsverständnis und mein Gerechtigkeitsempfinden, nicht unter der Prämisse »Der Zweck heiligt alle Mittel«, sondern immer unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit der Mittel. So steht es sogar in diversen Gesetzen, die ich gerade durcharbeiten und lernen muss. Es liegt im vorliegenden Fall auf der Hand, dass es etliche andere Möglichkeiten gegeben hätte, den Sachverhalt (Verdächtiger hält, um zu telefonieren) aufzuklären, als ausgerechnet eine gezielte Salve aus einer vollautomatischen Maschinenpistole.
Am 17. September 2008 war weit und breit kein Polizist mit oder ohne Maschinenpistole zu sehen. An dem Tag hat ein vertrottelter Staatsangestellter den millionenfachen Betrag von 300 Euro »aus Versehen« an die kurz zuvor Pleite gegangene Bank Lehman Bros. überwiesen. Anstatt über den Haufen geschossen zu werden, hat er vermutlich im Jahr 2008 keine millionenschwere Abfindung bekommen – Strafe muss ja sein. Man sieht, es reicht, sich an die bestehenden Gesetze zu halten und man geht so gut wie straffrei aus. Selbst als Verbrecher (siehe Zumwinkel und Konsorten) wird man im Nadelstreifenanzug zwar medienwirksam aus seiner Villa eskortiert – der Bankräuber aus Großlittgen mit seinen erbeuteten 300 Euro sitzt vermutlich dann noch, wenn ich schon längst wieder aus Schweden zurückgekehrt bin.

Manchmal sieht man nur ein Foto eines Menschen und denkt bei sich: ›Diesen Menschen würde ich gerne kennenlernen!‹ So ging es mir beim Betrachten von Tennessee Eisenberg, einem amerikanischen Studenten aus Regensburg, wirklich ein netter, junger Mann, hätte meine älteste Tochter nicht schon so einen netten Freund, würde ich mir so jemanden wie ihn für sie wünschen. Das geht nun leider nicht mehr. Tennessee Eisenberg wurde wurde am 30. April 2009 von mehreren (acht bis zehn) Polizisten aufgesucht, weil er jemanden mit einem Messer bedroht haben soll. An sich schon ein skurriler Gedanke, weil er in etwa so gefährlich aussah, wie der Junge auf der Brandt-Zwieback-Verpackung.
Die Polizisten wussten sich nicht anders zu helfen, als den 24-jährigen Studenten mit zwölf Schüssen (unter anderem in den Rücken) niederzuschießen, in Notwehr natürlich. Die tödlichen Schüsse in die Brust fielen am Ende, als er bereits ein zerschossenes Kniegelenk, einen Lungensteckschuss und einen zerschmetterten Oberarmknochen, sowie andere Treffer aus den Polizeiwaffen hatte einstecken müssen. Überflüssig zu erwähnen, dass Tennessee bis dato völlig unauffällig war, gesetzestreu und obendrein als musisch begabt, nachdenklich, engagiert und zurückhaltend bekannt war. Das nenne ich »Mit Kanonen auf einen Spatzen geschossen«.
Bei allem Verständnis für die seit Jahren größer werdenden Gefahren für Polizeibeamte im Dienst, irgendwo endet alles Verständnis. Ich meine, wenn es umgekehrt passiert wäre, ein deutscher Student in den USA erschossen, ja das kennt man doch, da würde man sich nicht lange drüber wundern, aus dem Kino wissen wir ja, wie schießwütig die Polizisten drüben sind, aber in Regensburg, hallo? Das ist Bayern, die Oberpfalz! Wir reden nicht von Berlin oder Frankfurt, sondern (die Regensburger mögen es mir verzeihen) der Provinz. Bald traut man sich als rechtschaffener Mensch ja nicht einmal mehr, irgendwo ein Graffiti hinzusprühen, aus Angst, dabei vielleicht aus Versehen von übermotivierten Polizeibeamten getötet zu werden.
Die gestiegene Bedrohungslage für Polizisten im Dienst – ich erinnere an getötete Beamte bei Routineverkehrskontrollen oder an den völlig unmotivierten Polizistenmord von Heilbronn – hat allem Anschein nach ein Klima geschaffen, wo solche Dinge wie sie Tennessee Eisenberg oder dem belgischen Spediteur widerfahren sind, als normal zu gelten haben. Ganz ehrlich: In solch einem Land will ich eigentlich nicht leben. Wenn mich neuerdings die Polizei im Wagen kontrolliert, lasse ich beide Hände am Lenkrad und bewege mich nur (und ganz vorsichtig) auf Aufforderung, man weiß ja nie. Nachher wird man noch (natürlich aus Versehen) erschossen, weil man zum Handschuhfach greift, um die Zulassung herauszuholen. Kommt dann noch die in solchen Fällen gerne etwas lethargische Verfolgung solcher Polizeiübergriffe durch die Staatsanwaltschaft hinzu (ich verweise auf die Webseite der Familie Eisenberg, bitte aufs Foto von Tennessee klicken) beschleicht mich das Gefühl, mehr und mehr in einem Polizeistaat zu leben. Dann doch schon lieber Schweden, wo die Polizei eher durch Dilettantismus auf sich aufmerksam und über die Ländergrenzen hinaus Schlagzeilen macht.